Politische Bildung ist Medienbildung in der digitalen Gesellschaft
Die Entwicklung vom world wide web hin zu web2.0 bzw. social media wirft für die Gestaltungsprozesse in unserer Gesellschaft immer dringender die Frage auf, wie die digitalen Möglichkeiten diese Prozesse durch neue Beteiligungsmöglichkeiten beeinflussen.
1. Formen digitale
Beteiligung
Als Formen der digitalen Beteiligungsformen sind zu nennen und zu unterscheiden:
2. Die spezifischen
Eigenschaften des Social Media unterstützen und
erleichtern Beteiligung
* Die Möglichkeiten des web2.0 lassen die alte „Brecht’sche Radiotheorie“ wirklich werden: jeder ist nicht nur Empfänger, sondern auch Sender von Information
* Mehr als das: mit den Möglichkeiten, Information oder Meinung nicht nur zu produzieren und zu senden, sondern auch für seine massenhafte Verbreitung zu sorgen, kann jeder Nutzer im Netz aktiv und passiv handeln, wie sich dies in der neuen Sprachschöpfung des „Prosumers“ deutlich wird
* Es entstehen neue Deutungszentren und
Meinungsführerschaften. In gleichem Maße, wie Verlage oder Institutionen wie
Kirchen und Parteien an Meinungsführerschaft verlieren, entstehen neue Zentren.
Diese werden oft etwa naiv als Schwarmintelligenz bezeichnet, wobei es aber in
diesem „Schwarm“ deutliche „Gatekeeper“ gibt, also Entscheider. So verfügt wikipedia
über 2000 Editoren (Schreiber von Artikeln) und über 300
3. Social Media dient heute im Wesentlichen nicht der Entscheidung,
sondern der Meinungsbldung
* In der Jugendarbeit und der politischen Bildung gilt immer als Ziel, möglichst viele Jugendliche zu Beteiligung an demokratischen Entscheidungen zu motivieren. Im Sinne einer an der Lebenswelt der Jugendlichen ansetzenden Arbeit, verspricht der Einsatz von Social Media eine erhöhte Beteiligung.
* Es bleibt jedoch noch eine große Aufgabe, die Themen, Orte und Strukturen zu definieren, wo diese Medien eingesetzt werden können-
* Themen können natürlich jugendaffine Themen sein, wie Herabsetzung des Wahlalters
* Orte: warum nicht neue virtuelle Orte der Beteiligung erfinden, zusätzlich oder anstelle von Jugendparlamenten oder warum nicht dafür sorgen, dass die Sitzungen des Kinder- und Jugendhilfeausschuss mit Formen des Social Media vorbereitet und veröffentlicht werden
* Strukturen: Verbände und Einrichtungen der Jugendarbeit müssen sich fragen, ob sie Social Media überhaupt schon nutzen. Bisher gilt eher ein Top-Down Strategie, ausgedrückt in statischen Webseiten, wo der Verband Informationen reinsetzt und die Interessenten dies abrufen können. Als Beteiligungsmöglichkeit werden diese Möglichkeiten kaum genutzt, als Möglichkeit, lebendige Kommunikation mit seinen Mitgliedern, Nutzern und Interessenten zu führen
4. Der Einsatz von Social Media ist nicht nur Öffentlchkeitsarbeit, sondern verändert die Organisationen und Institutionen radikal
* Bisher werden die Neuen Medien vor allem als Gegenstand gedacht, zu deren Beherrschung Medienkompetenz ausgebildet werden muss. Das bleibt auch weiterhin, aber mit dem Einsatz von web2.0 bleiben die Medien nicht mehr nur Gegenstand, sondern werden zum Werkzeug einer Organisation, zu einem wesentlichen Bestandsteil des Innenlebens einer Institution
* mit einiger Sicherheit kann behauptet werden, dass kaum
eine Einrichtung oder Organisation über eine solche Kommunikationsstrategie
verfügt. Erst zaghaft werden solche Fragen gestellt wie: kann ich mit diesen
Mitteln mer Mitglieder gewinnen? Oder: sind diese Medien nicht mehr nur Medien
im eigentlichen Sinn (indem sie zum Beispiel über Angebote
* Damit stellen sich weitere Fragen: wer „darf“ welche Information publizieren, wer ändert was? Wer ist oder sind die Gatekeeper einer Organisation? Gerade hierarchisch organisierte Institutionen werden sich extrem schwer tun mit der Nutzung des Social Web. Daraus erschliesst sich: der Einsatz von Social Media ist nicht nur eine Kommunikationsstrategie, sondern eine Angelegenheit der Organisationsentwicklung.
* Der Einsatz von Social Media wird weder mit der linken Hand zu erledigen sein, wird auch nicht allein zu delegieren sein an die Öffentlichkeitsarbeiter, sondern erfordert eine größere Veränderung in vielen Institutionen, die nicht zum Null-Tarif zu haben sein wird, sondern auch Ressourcen bindet
5. Digitale
Anwendungen lösen keine analogen Probleme
* Nicht jeder kann oder will diese Möglichkeiten nutzen, es wird weiterhin eine politische Aufgabe sein, die ungleichen Zugangsmöglichkeiten zu bekämpfen. Ungleichheiten gibt es in sozialer Hinsicht (Verfügbarkeit und Nutzungsmöglichkeit geeigneter Anwendungen), im Hinblick auf das Alter und im Hinblick auf die Regionen (noch immer sind in Deutschland ganze Regionen internet-strukturell abgehängt)
* Fragen der Barrierefreiheit werden derzeit zu wenig thematisiert: Medienliteralität muss wichtiger werden in den Angeboten zu Medienkompetenz, aber auch die Angebote müssen dieses Thema stärker beachten
* nach wie vor spielt – v.a. in der Bildungsarbeit – die Spaltung in „digital nativs“ und den Erwachsenen, die den Umgang mit den Neuen Medien anders erlernen, eine spürbare Bedeutung. Es verändert die Rollen im pädagogischen oder politischen Prozess, indem der Wissensvorsprung des Erwachsenen reduziert ist
* und schliesslich gibt es: das Netz ist nur offen, wo es eine offene Gesellschaft gibt. In vielen Ländern (s. z.B. China oder die arabische Welt) gibt es erhebliche Einschränkungen, die sich auf die internationale Arbeit wie auch in unserer Gesellschaft interkulturell auswirkt.
Ausblick:
Die angesprochenen Möglichkeiten des Social Media wirken in unserer Gesellschaft grundsätzlich partizipationsförderd und damit auch demokratiefördernd.
Stärker als die erste Stufe der Digitalisierung und das www wird Social Media die Einrichtungen der Jugendarbeit in ihrer Struktur und Abläufen beeinflussen