Alle
Tätigkeiten des Menschen sind – anthropologisch betrachtet – kulturell
vermittelt ausser den Tätigkeiten, die dem reinen Selbsterhalt dienen.
Gesellschaftliches Leben, Religion, Selbst- und Sinnsuche sind nicht
vorstellbar ohne Kultur. Insofern sind Bildung und Kultur auch Synonyme oder
anders herum gesagt: Bildung ist nichts anderes als das Lernen von Kultur:
Sprechen, singen, sich unterhalten, Feste feiern, lesen, sich ausdrücken – all
dies wird vermittelt in kulturellen Ausdrucksformen. Diese sind je nach
Schichtung und Wandel der Gesellschaft, für viele offen oder verschlossen, eher
statisch oder wandelbar, eher affirmativ oder verändernd.
Die moderne
Gesellschaft mit ihren raschen Wandlungsprozessen, ihren Verwerfungen, ihrer
Betonung auf dem Wissen und ihrer offenen Zukunft ist mehr denn je auf die
kulturelle Bildung angewiesen. Es ist kein Zufall, dass sie im KJHG
ausdrücklich festgeschrieben ist, sondern ein Ausdruck ihrer besonderen Bedeutung.
Im Zusammenhang mit den Problemen im schulischen Bildungsbereich wird ihre
Aufgabe derzeit neu akzentuiert: Kulturelle Bildung ist heute Hoffnung, Möglichkeit und Notwendigkeit.
Hoffnung (Motivation)
Wo die Schule
um ihrer eigentlichen Funktion, der gesellschaftlichen Platzierung für später,
der Qualifikation für einen späteren Arbeitsplatz beraubt ist, kann eine
Motivation zum Lernen und Üben nur über einen Lehrstoff erzeugt werden, der für
sich spricht; der anregt, der Freude und Spass verursacht und so die eigentlich
lästigen Übungsstunden auch überbrücken hilft. Ein Beschäftigen mit kulturellen
Ausdrucksformen spricht auf jedem Niveau den Menschen an, in jeder Phase des
Lernprozesses. So können auch solche Jugendliche wieder für Lernprozesse gewonnen
werden, die sich innerlich schon aus dem Bildungssystem verabschiedet haben.
Kulturelle Bildung, vor allem lebensweltorientierte Kulturelle Bildung, kann im
Jugendlichen einen Funken der Begeisterung entfachen, vermag eine Vorstellung
in ihm entwickeln, dass er dennoch etwas kann.
Möglichkeit (Konkretes Produkt)
Kulturelle
Betätigung ist fast immer auf das Soziale und auf ein Ergebnis hin
ausgerichtet, damit bietet kulturelle Bildung die Möglichkeit, einen
Gruppenprozess zu initiieren und zu steuern, der immer ein anerkanntes Ziel vor
Augen hat. Ausdauer, Gemeinschaft, Prozess und eine anerkannte Rolle stellen
sich somit wie von selbst her, nicht über Noten und Arbeiten, nicht über
Appelle an Disziplin und Druck, sondern in der gemeinsamen Arbeit an einem
Produkt. Soziale Kompetenzen werden somit quasi nebenbei gelernt auf dem Weg zu
einem selbst gesteckten Ziel. Das Erleben eines kulturellen Projektes erzeugt
soziale Akzeptanz in wesentlich höherem Maße, als es die Schule mit ihren
festgefahrenen Rollen vermag. Hier ist „Echtzeit“, unmittelbare Wirkung, jedes
Handeln des Einzelnen hat eine soziale Relevanz.
Notwendigkeit (Sinn)
Jugendzeit ist
Aufbruchzeit! Kein Bildungssystem und kein noch so erfahrener Erwachsener kann
heute den Jugendlichen alle Antworten vermitteln in ihrer Aufgabe, das eigene
Leben zu bewältigen. In der Gleichaltrigengruppe und kulturellen Szene finden
permanente Selbstbildungsprozesse auf der Basis jugendkultureller Orientierung
statt. Es gibt eine permanente gegenseitige Durchdringung von hier wie dort
erlernten Kultur- und Sozialkompetenzen: Musikunterricht, das Spielen in einem
Musikverein, das Mitmachen in
einer Band und
der Besuch mit der Clique beim Konzert gehen eine Einheit ein, die leider im
Bildungsprozess viel zu wenig genutzt wird.
Kulturelle Bildung ermöglicht es somit dem
Einzelnen sich selbst als unverwechselbare Person zu erleben, weil dies viel
leichter geht, wenn man etwas (lernen) kann, was einen auch interessiert.
Kulturelle Bildung steigert in ihrer Wirkung die Lust am Leben, vermittelt eine
persönliche erfahrene Selbstwirksamkeit, das ein „Lernen für später“ niemals
erreichen kann.
Eine
zukünftige Bildung, die sich an der „employability“ orientiert, wird
zwangsläufig Schiffbruch erleiden, weil sie zu viele Verlierer produziert, zu
wenig auf das Interesse von Kindern und Jugendlichen ansetzt und zu wenig
Ressourcen zur Verfügung stellt, damit Jugendliche ihre Lebensaufgaben meistern
können.
Albert Fußmann
Gauting,
14.5.2007