Jahresprogramm 2017

Gedanken vorab

Kindheit und Jugend ermöglichen

 … so lautet, auf den kurzen Nenner gebracht, die Schlussfolgerung des 15. Kinder- und Jugendberichts. Es soll nicht bedeuten, dass Kindheit oder Jugend biologisch verschwinden, sondern dass diese nicht mehr entwicklungsgemäß ausgelebt werden können. Damit ist nicht bloß die Zunahme an Zeit gemeint, die in Institutionen von Krippe über Schule bis zum Hort verbracht wird, sondern der zunehmende Leistungsdruck in diesen Einrichtungen. Viel zu wenig orientieren sich diese Einrichtungen an den Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung und den individuellen Fähigkeiten der Kinder, sondern gestalten Lernen in Form von Auswendiglernen, Prüfungen und sammeln von credit points. Kinder und Jugendliche fühlen sich häufig gestresst, fremdbestimmt und überfordert – und im Arbeitsleben wird geklagt über Unselbständigkeit, fehlen- de Eigeninitiative und zu wenig Verantwortungsübernahme. Anstatt dass Jugendliche über ein gutes Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit verfügen und hoffnungsvoll in die Zukunft schauen, sind sie selbst unzufrieden, die Familien belastet und selbst die Bildungsinstitutionen merken an, dass mehr Tests und Rankings die Schulen nicht per se besser machen.

Der 15. Kinder-und Jugendbericht hingegen nennt als die drei wesentlichen Ziele des gelingenden Aufwachsens:

  • Qualifizierung
  • Verselbständigung
  • Selbstpositionierung oder Orientierung

Insbesondere die Ebenen der Verselbständigung und Orientierung können nicht in einem rein schulischen Bildungssystem gelingen. Kinder brauchen –im Wortsinne- Spielräume, Bewegung, forschendes Lernen; Jugendliche wollen Diskussionen über Fragen der Gerechtigkeit und Zukunft der Welt auf Augenhöhe; sie wollen zweckfreie Räume, um die eigenen Interessen zu erkennen und aktiv zu werden; sie suchen nach Möglichkeiten, sich aktiv und sinnvoll in die Gesellschaft einzubringen. Gleichzeitig ist die Integration in die Gesellschaft immer risikovoller geworden, nicht nur aufgrund von Freiheiten, sondern auch von Ungleichheiten und familiären Ressourcen.

Mehr denn je ist es Aufgabe der Jugendarbeit, die Jugendlichen zu unterstützen bei ihrem Eintreten für zweckbefreite Räume, um Verständnis zu werben für die -oft auffäl- ligen- Formen der Identitätssuche, sie zu unterstützen in Fragen von Selbstorganisation und Partizipation. Will die Jugendarbeit zukunftsfähig sein, müssen in der Wahrneh- mung dieser Aufgabe Ehrenamt und Profession Hand in Hand arbeiten. Gleichzeitig tre- ten im fachlichen Bereich Formen von Entgrenzung auf in Richtung Jugendsozialarbeit, in Richtung vielfältiger Betreuungsaufgaben (v.a. in Schulen). In jedem Einzelfall muss die Jugendarbeit jeweils entscheiden, wo und wie die Wahrnehmung dieser Aufgaben sinnvoll und möglich ist. Alle Jugendlichen stehen vor der Aufgabe, selbständig zu werden, ihre Talente und Kompetenzen zu entdecken und ein moralisches Urteil zu ent- wickeln. Das ist nicht nur -und kann auch nicht sein- Aufgabe des formalen Bildungs- systems oder der auf Wahrnehmung von Devianz ausgerichteten Sozialarbeit, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe, in der die Jugendarbeit ihre Stärken einbringen kann.

Im aktuellen Programm des Instituts finden sich eine Reihe von Veranstaltungen, die diese veränderten Rahmenbedingungen und Inhalte im Blick haben: sei es das Semi- nar zur Politischen Legitimierung der (offenen) Jugendarbeit, Seminare zur Konzept- entwicklung, Beratung unterschiedlicher Zielgruppen oder aber inhaltliche Angebote, die sehr aktuell sind: so die Zusatzausbildung zur Berufs- und Lebenstilorientierung, die Seminare zu Europa, zu alternativen Gesellschaftsmodellen oder zur Medienkompetenz.

Abschließend noch einige Worte zu unseren Grundausbildungen: Soeben konnte Interza II mit großem Erfolg beendet werden, und mit Unterstützung des bayerischen Sozialministeriums kann dieses Angebot, das sich an Fachkräfte mit bilingualem oder bikulturellem Hintergrund richtet, wiederum angeboten werden. Damit kann nicht nur eine Maßnahme gegen den Fachkräftemangel fortgesetzt werden, sondern auch die Qualität des pädagogischen Angebots in einer Migrationsgesellschaft gestärkt werden.

Und schließlich wird im Frühjahr 2018 der erste Jahrgang des berufsbegleitenden Bachelor-Studiengangs in Kooperation mit der Hochschule Kempten abgeschlossen werden. Dieser Studiengang ist mit seinem Schwerpunkt auf Jugendarbeit nicht nur einmalig in Deutschland, sondern erfreut sich nach wie vor eines regen Zuspruches. Von besonderer Bedeutung sind die ersten Ergebnisse des den Studiengang begleiten- den Forschungsprojekts, das nicht nur im Theorie-Praxis-Transfer eine wichtige Rolle einnimmt, sondern auch ein wissenschaftliches Qualifikationsprofil für die Jugendarbeit erarbeitet – und dies in regem Austausch mit der Praxis der Jugendarbeit.

Das Team von Gauting wünscht Ihnen Interesse beim Lesen des Programms und freut sich, wenn Sie ein passendes Angebot gefunden haben.

Gauting im September 2017

Albert Fußmann